Shownotes

12 Sag doch mal, was hilft, wenn es weh tut – Ulrich Schaffer

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  1. Teil
  • Gedicht: „Du hast ein Recht auf deine Trauer“ (am Ende der Shownotes)

 

  1. Teil
  • Buch: „Ich neige mich dir zu“ gemeinsam mit Anja Erz
  • Buch: „Herzenswerte“
  • Gedicht: „Du bist ein Wunder“ (am Ende der Shownotes )
  • Musik: Chloe Goodchild „Om Tara“ vom Album „Fierce Wisdom“

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Bücher der Lesereise

Lesereise Ulrich Schaffer 1. Seite

Lesereise Ulrich Schaffer 2. Seite

Du hast ein Recht auf deine Trauer

Du hast ein Recht auf deine Trauer

Du hast ein Recht auf deine Trauer.
Du darfst dich deinen Verlusten widmen,
musst nicht verdrängen, was dich beschwert.
Du hast ein Recht, das abzutrauern,
was dich so tief enttäuscht hat
und was du nicht ändern kannst.

Du hast ein Recht auf deine Tränen,
auf dein Schweigen, auf deine Ratlosigkeit,
auf deine innere und äußere Abwesenheit.
Du musst nicht den Glücklichen spielen,
nicht über den Dingen stehen.

Du hast ein Recht, die wegzuschicken,
die dich mit Gewalt aus deiner Trauer
herausholen wollen, weil deine Trauer sie selbst bedroht.
Du hast ein Recht auf deine Trauerzeit.

Du hast ein Recht, mit denen nicht reden zu wollen,
die dir ein schlechtes Gewissen machen
für deine Dunkelheit und Trauer.
Die dich mit ihren Sprüchen unter Druck setzen wollen.
Du hast ein Recht auf deine Trauerstille.

Du hast ein Recht, dich zu wehren gegen die,
die dir sagen, was du fühlen darfst und was nicht,
die dich nicht als Einzelnen, sondern als Fall behandeln
und sich innerlich nicht wirklich mit dir einlassen.
Nichts ist so menschlich wie deine Trauer.
Über sie kann ein Trauernder sich dir nähern
und auf Verständnis hoffen.
Trauern zu können ist eine Gabe.
Lass dir das Recht auf deine Trauer nicht nehmen.

Zum Erschießen aufgestellt

Mit Gewehrkolben wurden wir gestoßen

und zum Erschießen aufgestellt.

Es ist leicht, das jetzt zu sagen.

Der Satz besteht aus neun Worten,

syntaktisch korrekt angeordnet.

Es ist leicht, das zu sagen, jetzt,

mit dem Abstand von fünfzig Jahren.

Wir standen nicht in einer geraden Linie,

meine Mutter, mein Bruder, meine Schwester und ich.

Meine Mutter hob mich hoch

und drückte mich an sich,

meine Geschwister stand vor ihr und mir,

dass es uns alle zugleich trifft, sagt sie mir.

Sie spricht von der Erleichterung, die sie fühlte,

dass es endlich vorbei sein sollte.

Und dann wurde der Befehl zurückgenommen,

und wir verließen unser Grab,

als wäre nichts geschehen.

Danach war jeder Fetzen Leben ein Geschenk,

das man liebte und liebte und liebte.

Es ist eine so gerade Linie von dort nach hier,

zu der zerklüfteten Küste am Pazifik

mit ihrer überfließenden Schönheit,

wo die Erde den Himmel trifft,

die Wälder zu den Gletschern wandern

und dann wieder zurück zum Meer,

wo die Bewegung durch das Herz des Lebens geht.

Ich habe nicht alles ausgegeben,

was ich damals auf der Schusslinie gewonnen habe.

Ich habe zurückgehalten,

ich habe meine Schritte bemessen,

ich habe an einem Rand gelebt,

den ich nicht sehen konnte.

Ich habe nicht gekämpft, und ich bin nicht geflohen

an dem Morgen,

ich erstarrte, Rehkitz das ich war.

Ich war zwei Jahre alt

und wusste nicht, was ein Gewehr ausrichten kann.

Ich war den Worten meiner Mutter gehorsam,

ich kam, und die fremden Soldaten

zielten auf mich, weil sie in dem Moment

ihre eigenen Kinder weit weg vergessen hatten.

Ich erstarre immer noch.

In Steifheit trägt mein Rücken in sich,

was er damals nicht verstehen konnte.

Er glaubt immer noch,

dass es ausreicht, unbeweglich zu sein, um zu überleben.

Du bist ein Wunder

Du trägst als größten Schatz
deine eigene Geschichte in dir.
Niemand hat deine Geschichte,
ihren Schmerz und ihr Glück.
Sie gehört nur dir.
Wenn du nach deinem Wesen suchst,
betritt deine Geschichte mit Ehrfurcht, liebe dich in ihr.
Du liegst in ihren Jahreszeiten
und deine Seele trägt ihr Gesicht.
Du bist ihr Schwung und ihr Leid.

Du bist nicht so anders als der alte Held,
der von Abenteuer zu Abenteuer
über die Meere zog, bis er nach Hause fand,
zum Ort seines Herzens, von dem er aufgebrochen war.
Du bist die mit den tausend Gesichtern,
auf denen zehntausend Geschichten stehen.
Du bist jedermann, jedefrau
auf der Suche nach dem Wesenhaften
und doch unverwechselbar in deiner Geschichte,
in ihrem Gold und ihrer Erde.

Noch ist nicht abgeschlossen, wer du bist.
Lass hinter dir, was du warst –
bewohne diesen Augenblick,
diesen Abend, diese Nacht und den kommenden Tag,
der mit neuen Erlebnissen auf dich wartet.
Erlaube dir deine Schüchternheit, deinen Mut,
dein Abenteuer und deine Vorsicht. In ihnen allen bist du.
Wie du auch leben magst, du bist ein Wunder,
dein Wesen ist Ausdruck des Unaussprechlichen.

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